Mittwoch, 31. Mai 2017

Mutig am Beckenrand.

Es ist jedes Jahr dasselbe: Wenn die große Sommerhitze kommt fühle ich mich wie ein Eskimo der in seinem Schneeanzug in der Wüste Gobi abgeworfen wird. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich meinen Schneeanzug nicht abwerfen kann. Mein Körper; der an mir dran ist und der ich auch bin. Nicht nur. Aber auch. Leib. Seele. Geist. Und ich bin auch dankbar für diesen Leib, in dem dieses unglaublich komplizierte Zusammenspiel des gesamten Organismus so funktioniert, dass ich im Alltag kaum darüber nachdenken muss. Das ist ein großes Geschenk! (und jeder kranke Mensch wird mir an dieser Stelle wild kopfnickend zustimmen) 
Aber wenn die große Hitze kommt, dann denke ich weniger dankbar an die inneren Abläufe sondern sehe das was vor Augen ist. Und das würde ich manchmal gerne in eine etwas andere und abgespecktere Version umtauschen. Da hilft es auch nicht, dass ich jeden Morgen an großen Werbetafeln eines Fitnessstudios entlang fahre und mich anschließend an "Deutschands schönsten Bikinimädchen" vorbeidrängen muss um auf die Startseite von meinem E-mail Account zu kommen.  Und schon fange ich an mich verzweifelt durch meinen Kleiderschrank zu wühlen und Heio mit wilden Zurufen: "Ich hab nichts anzuziehen!" zu nerven und mich der Illusion hinzugeben, dass ich jetzt ganz schnell irgendein schickes Sommerteil in irgendeinem Laden finden muss das mich glücklich und zufrieden macht. In der Wüste Gobi.
Aber ehrlich gesagt: die Wüste Gobi ist einfach nicht mein Ort. Und ich habe zwei kleine Weggefährten gefunden denen es genauso geht. Ausgestreckt und hechelnd liegen sie im Schatten und warten bis es Abend wird (wir haben sie sogar schon in der Mittagshitze in die Wohnung getragen, weil es da ein bisschen kühler ist)

Flokson hat  die "Toilette" zum kühlen Schlafplatz umfunktioniert

Am liebsten würde ich ganz in den Norden Skandinavienes ziehen. Und bei jedem Wetterbericht schaue ich neidisch nach Hamburg.  Aber ich lebe nunmal im Süden. Und in diesem Körper. Und bevor ich wieder anfange mich ständig fertig zu machen, mich zu vergleichen und mich vor dem Freibad zu drücken (in das der kleine Sohn am liebsten jeden Mittag gehen würde!) will ich mich innerlich für die heiße Jahreszeit wappnen. Manchmal hilft es mir, wenn ich mir die Frau vor Augen halte, die ich gerne sein will (mit Gottes Hilfe!!!!):

Ich möchte gnädig mit mir sein. So wie wir für unsere Häschen sorgen, indem wir sie in die kühle Wohnung holen, oder weite Wege auf uns nehmen um ihnen saftigen Löwenzahn zu besorgen, will ich lernen für mich zu sorgen: Alles ein bisschen langsamer angehen. Siesta, Schattenplätze, Sonnenbrille. Viel Wasser trinken. Und immer mal wieder das erhitzte Gesicht im Spiegel anlächeln und der Frau mit den weichen, flapprigen Oberarmen sagen, dass sie geliebt ist.

Ich will mich zeigen wie ich bin.  Ich will lernen loyal zu meinen Körper zu sein und aufhören abwertende Kommentare über ihn zu machen. Anstatt darauf bedacht zu sein meine Problemzonen zu überdecken, möchte ich ein bisschen mutiger zu der Form stehen in der ich lebe. Und wenn mein zierlicher Sohn mir sagt, dass er seinen Bauch zu dick findet (Mann, woher haben das unsere Kinder, dass sie schon so früh negativ über ihren Körper reden???), dann will ich fröhlich mein T-Sirt nach oben ziehen und ihm zeigen, wie ein Bauch aussehen muss, damit er dieses Wort überhaupt verdient! Und ja: nach 48 Jahren ist in dieser "Wohnung" maches ein bisschen abgenutzt und hat Schrammen, die Fassade bröckelt ein wenig und alles ist ein bisschen voller als beim Einzug - aber so ist das nunmal. Lebensspuren! Ich mag es nicht wenn man in eine Wohnung kommt und sich Leute dafür entschuldigen wie es aussieht und darüber jammern was eigentlich besser sein sollte.(ich mache das auch manchmal und kann es auch bei mir nicht leiden!)  Wie schön wenn jemand die Tür weit aufmacht und auf wacklige Küchenstühle einlädt  und sagt: "Willkommmen! Hier leben wir." Und wenn man sich an schönen Nachbarhaus einfach freuen kann, anstatt neidisch über den Zaun zu schielen. Also, ich will mich nicht vergleichen mit all den jungen Muttis am Beckenrand oder mich innerlich fertig machen wenn ich mich in meinen Badeanzug quetsche, sondern lachend der Frau zustimmt die mir gesagt hat: "Du willst eine Bikinifigur sehen? Dann zieh dir einen Bikini an, steh vor den Spiegel und VOILA: Das ist deine Bikinifigur!" Amen dazu, Freunde.

Ich will mir keine tausend "mach dich schöner" Teile kaufen. Und falls ich mit etwas kaufe (was ich bestimmt tun werde) dann nicht um etwas zu überdecken oder etwas auszugleichen was mir vermeintlich fehlt. Sondern nur aus dem Grund, den Anne Lamott so wunderbar beschreibt: Weil es manchmal schön ist ein bisschen Licht auf sich scheinen zu lassen, wenn man ein wenig blass um die Nase ist.

Und ich will mich an den guten Dingen des Sommer freuen. Die gibt es auch. Das hätte ich fast vergessen! Ich freue mich auf lange Sommerabende, Gespräche auf dem Balkon und auf viele Mahlzeiten unter freiem Himmel. Ich freue mich auf den Geruch von gemähtem Gras, von Sonnencreme und der frischen Tomaten aus dem Garten.  Ich freue mich auf kleine und große Sommerfeste, auf Wassermelonen im Salat und auf die Abkühlung nach dem Gewitterregen.



Und ja: ich freue mich auf jedes kühlende Nass, in das ich mich werfen kann. Und den Weg bis zum Beckenrand will ich immer mutiger gehen. 

Das ist die Frau die ich diesen Sommer gerne sein will. Manchmal ist es gut sich ein Bild vor Augen zu halten - gegen die Flut von Werbebildern und allem was wir "sein sollten". Manchmal ist es wichtig bewusst wegzuschauen und etwas anderes anzuschauen. Das, was wir durch Gottes Gnade sein können: Menschen die frei sind und sich mutig zeigen können wie sie sind, weil sie einem Gott nachfolgen der sie unbändig liebt. 
Gottes gütiger Blick ruht auf uns. Das heisst: wir werden ständig freundlich angeschaut. Vielleicht bringt uns das dazu, dass wir uns selbst (und andere) immer mehr so zu sehen, wie er uns sieht. Und wenn wir in den Spiegel schauen, dann dürfen wir uns sagen: Sieh an, was für ein wunderbares, geliebtes Kind Gottes!!!   

Wer, wenn nicht wir, könnte mutig am Beckenrand entlang spazieren?!

Ich schreibe das alles hier auf weil ich weiß, dass ich eine Erinnerung brauche. So wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Manchmal denke ich, ich komme kein Stück weiter. Jeden Sommeranfang ringe ich mit diesem Thema. Aber vielleicht ist es ein bisschen so wie bei den Jahresringen am Baum: Man kommt immer an der gleichen Stelle vorbei, aber ein wenig ist man auch gewachsen, gereifter, gefestigter in der Liebe die uns mutig und frei macht.

So. Und jetzt gehe ich mit Heio ein Eis essen. Die Bikinifigur pflegen. 

P.s.: Hier noch ein kleiner Film, passend zu Thema den mir eine liebe Blogleserin geschickt hat. (leider auf englisch - aber einfach klasse!):


Mittwoch, 24. Mai 2017

Warum ich dich immer dahin mitschleppe.

"Es ist Zeit," sagt Heio, mit dem Blick zur Uhr."Wir müssen los!"
Oh nein, denke ich, blinzle in die Sonne und kann mich kaum von der Picknickdecke wegbewegen, auf der ich liege. Ich bin noch mitten im Gespräch mit einer Freundin. Und im Kopf hämmert es schon seit dem Aufstehen und eigentlich würde ich gerne für den Rest des Tages nur auf dieser Picknickdecke liegenbleiben. Aber es ist Sonntag. Und Zeit für den Gottesdienst. Also packen wir zusammen, verabschieden uns von den Freunden (die leider nicht mitkommen wollen) und nehmen den kleinen Sohn mit, der auch nicht mitkommen will. Die Aussicht, dass wir heute gemeinsam mit einer kleinen brasilianischen Gemeinde den Gottesdienst feiern, macht es auch nicht besser. Ich fürchte es wird anstrengend, viele neue Leute... kurz überlege ich noch Zuhause zu bleiben. Dann gehe ich doch mit. Schon alleine aus Solidarität mit dem Rest der Familie. 
Und dann sind wir auch schon mittendrin. Weggefährten umarmen. Und Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, die aber auch wegen Jesus hier sind. Dann der Lobpreis: Portugiesisch und deutsch. Kraftvoll und laut. Eine sprudelnde Freude steigt in mir auf. Ich schaue in die bekannten und unbekannten Gesichter und weiß: wir gehören zusammen. Familientreffen. Samu löst sich von meiner Hand und tanzt neben einem kleinen, braslianischen Mädchen mit den schönsten roten Lackschuhen. Wir segnen die Kinder für ihren Gottesdienst. Sie haben sich spontan an den Händen gefasst, was mich irgendwie total berührt.


Und dann erzählt Achim dass seine Abteilung beim Daimler  nach langem hin und her wundersamerweise nun doch nicht wegrationalisiert wird. Gemeinsam jublen wir über einen Gott, der Gebete erhört. Und spätestens nach seiner Predigt bin ich einfach nur dankbar, dass ich nicht auf der Picknickdecke liegengeblieben bin. Das leckere Essen danach und die guten Begegnungen sind dann noch die Zugabe.





Mit vollem Magen und erfüllten Herzen fahren wir mit dem Rad nach Hause. Samuel ist total verschwitzt vom Toben mit den Kindern und zeigt mir stolz was er gebastelt hat. "Hat es dir doch gefallen?", frage ich ihn, beim ins Bett bringen.  Er nickt. "Ja, so mittel!" Mittel ist in Ordnung, finde ich. (das meiste ist bei ihm gerade so mittel :-)) Wir beten zusammen und ich bekomme den schönsten, friedlichen Kinderkuss auf die Wange gedrückt. Einige Zeit höre ich ihn noch vor sich hinsingen: Gott du bist stärker, Gott du bist größer, als alles andere..." Dazu hat er heute getanzt. Lächelnd lasse ich mich aufs Sofa sinken. Und sage: "Danke Gott. Für deine Familie."

Ich weiß nicht an was Samu sich später erinnern wird. Vielleicht an schöne Ausfüge? Urlaub am Meer? Tägliche Fahrradwege an Hühnern und Räuberhöhle vorbei? Eine Mama die oft mit Schmerzen im Bett lag? Bücher lesen und Michel schauen? An die Bibelgeschichten? Gemüse pflanzen mit Papa? Quatsch machen am Frühstückstisch? An seine tollen Erzieherinnen in der Kita? An Gartenparties? Sabbatkerze anzünden? Streitigkeiten (und Spielzeugkoffer die als Konsequenz kurzfristig in den Keller wandern)? An die Freunde aus der Gemeinde? Das Beten abends im Bett? Ans Stau spielen? An die Zuversicht, dass Gott stärker und größer als alles andere ist? Vielleicht von allem ein bisschen. Wir stecken gerade mitten in der Geschichte seiner Kindheit. Und wir fügen täglich neue Kapitel dazu. Zur Zeit stellt er viele Fragen über Gott. Manches kann ich ihm erklären. Einiges verstehe ich selbst nicht. Und manches schreibe ich ihm auf, weil er es vielleicht erst später verstehen wird.  Einen Brief an Samu landete im neuen Buch. Zu seiner Frage, warum wir ihn Sonntags denn immer mit in die Gemeinde schleppen. Einen kleinen Teil davon darf ich hier für euch schon abdrucken. (den Rest gibts dann Mitte August :-)).

Lieber Samu!
Letzten Sonntag hast du dein Missfallen darüber ausgedrückt, dass du mit uns in den Gottesdienst kommen solltest. Genaugenommen hast du es mit aller Deutlichkeit, zu der ein Fünfjähriger fähig ist, gesagt, dass du heute nicht „zu den Sch...Jesusfreaks“ mitwillst. Aus zwei Gründen habe ich dich trotzdem mitgenommen: Erstens bist du noch nicht alt genug, um dich alleine zu Hause lassen zu können, und zweitens weiß ich ziemlich genau, dass es dir, wie jedes Mal, richtig gut gefallen wird. Mir geht es übrigens oft auch so. Wenn Papa nicht immer sagen würde: „Lass uns hingehen!“, würde ich manches Mal auch lieber zu Hause bleiben. Aber wir gehen hin. Jeden Sonntag. Ich hoffe, du siehst daran, dass uns diese Sache mit Jesus und seiner Familie wirklich wichtig ist. Ich hoffe, dass du dich auch noch dann daran erinnerst, wenn du selbst viele andere Dinge findest, die man am Sonntag sonst noch so unternehmen könnte. Vielleicht warst du dann oft genug dabei, um zu spüren, was das Besondere an dieser Familie ist.
Als du erst ein paar Wochen alt warst, haben wir dich im Gottesdienst segnen lassen. Die Leute aus der Gemeinde haben einen großen Kreis um uns gebildet und der eine oder andere hat mit seiner Hand deine kleinen Füße oder deine winzigen Finger umschlossen und dir ein Segenswort zugesprochen. Ich war eine ziemlich müde und immer leicht überforderte Mama in deinen ersten Lebensjahren. Was mir von Anfang an klar war: Alleine würde ich das alles nicht hinbekommen. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“, sagt man und ich glaube, es braucht eine ganze Gruppe von Menschen, die Jesus lieb haben, dass du ein wenig von dem Reichtum und der Größe Gottes ahnen kannst. 
Ich nehme dich jeden Sonntag mit, weil ich möchte, dass du siehst, wie wir zusammen Jesus anbeten. Ich möchte, dass du erlebst, wie deine Mama ein bisschen gelöster und friedlicher wird, nachdem sie das Abendmahl empfangen hat. Ich möchte, dass du siehst, wie wir Menschen umarmen, die ganz anders sind als wir, und dass du weißt, dass sie auch zu unserer großen Familie gehören. 
Ich will, dass du ganz viele Geschichten über Jesus hörst – nicht nur von mir, sondern auch von wunderbaren Kindermitarbeitern – weil wir ihn so toll finden und ich mir wünsche, dass ihr beide Freunde werdet. Und ich sehe schon, dass das passiert. Wenn irgendjemandem etwas wehtut oder du merkst, dass wir ein Problem haben, dann bist du der Erste, der sagt: „Mama, warum betest du denn nicht?“ Du erinnerst mich daran, warum ich glaube. Du hilfst mir, in meinem Alltag Jesus nicht zu vergessen. Ein bisschen so geht es mir mit der Gemeinde: Sie erinnert mich jeden Sonntag daran, warum ich glaube. Sie hilft mir dabei, Jesus nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran, dass ich Gnade brauche und Vergebung und ich mag es, wenn du uns dabei zuschaust und wie du Teil dieser kleinen, unperfekten Familie bist...
..Ich hoffe, dass du weißt und erlebst, dass ein Platz für dich frei ist an Gottes Tisch. Ein Leben lang. Egal was passiert. Und wenn ich oder dein Papa mal nicht mehr in der Nähe sein sollten, um dir das alles zu sagen, dann hoffe ich einfach, dass du immer eine Familie um dich haben wirst, die dich an all das erinnert... dass sie dir jederzeit die Hände auflegen wird, um dich zu segnen, so wie es schon am Anfang deines Lebens war. Ich glaube, wir brauchen einander, um den Weg mit Jesus bis zum Ende zu gehen. Bis wir uns alle wiedersehen bei ihm. Die ganze große Familie. Das wird ein Fest – und du liebst es doch zu feiern! Wegen all dem schleppe ich dich jeden Sonntag mit. Das ist ein bisschen viel, um dir das alles jetzt zu erklären, ich weiß. Aber ich hoffe, dass du es irgendwann verstehen wirst, und dass du froh darüber sein kannst. Ich liebe dich. Immer. Du bist ein Segen. Und du sollst immer gesegnet sein.
Deine Mama

(© 2017 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn,Christina Schöffler: Kinder, Kinder, in Warum ich da noch hingehe. Die Kirche, Jesus und ich)


Mittwoch, 17. Mai 2017

Vom Neuanfang und der zweiten Hälfte des Tages

Zur Zeit gehe ich gerne früh ins Bett: Zu meinem Geburtstag habe ich ein paar wunderbare Bücher bekommen und ich kann es kaum abwarten darin zu lesen!


Neben tollen Geschichten, freue ich mich auch sehr an einem Buch übers Schreiben (danke Vroni!): Still writing, von Dani Shapiro. Immer wieder finde ich bei solchen Büchern nicht nur hilfreiche Tipps zum Schreiben, sondern Erkenntnisse übers Leben. Eine davon ist folgende: 
 
 Wir können immer wieder neu anfangen.

Wie oft habe ich schon ganz viel Text geschrieben und dann gemerkt: das wird so nichts. Also alles nochmal löschen (oder durchstreichen) und es geht von vorne los. Das ist natürlich bisschen frustrierend, aber ganz oft sind diese gelöschten Worte und Gedanken wie eine Machete mit der ich mich sich ziemlich orientierungslos durchs Dickicht schlage, bis ich dann endlich eine Spur finde, der ich folgen will. Und das ist dann auch der Startpunkt, um mutig neu anzufangen. Dani Shapiro schreibt ihre ersten Entwürfe gerne in Notizbücher, weil die eingefügten Sätze, die Pfeile, Sternchen und durchgestrichenen Absätze sie daran erinnern, dass man die Arbeit jeden Moment verändern kann, dass es immer auch andere Möglichkeiten und Neuanfänge gibt.


Das erinnert mich an den vergangenen Muttertag. Eigentlich bin ich kein Mensch der große Erwartungen an diesem Tag hat. Dachte ich zumindest. Aber nachdem ich früh aufgestanden war um das Frühstück zu machen, das Chaos aufzuräumen und noch schnell einen Kuchen zu backen (während Heio entspannt die Hasen im Garten beobachtete) überkam mich der ganze Jammer einer nicht gesehenen und nicht wertgeschätzten Mutter.Ich habe versucht mich innerlich zu beruhigen, zu beten, ein bisschen in der Bibel zu lesen, aber der Schmerz wurde noch größer. Weinend saß ich auf dem Sofa. Irgendwann bemerkte das der kleine Sohn, der bis zu dem Zeitpunkt zufrieden, in sich versunken, Autostau gespielt hatte. Besorgt fragte er nach was los ist, und nach meinen unbeholfenen Erklärungen rief er seinem Papa durchs Fenster zu (in einer Lautstärke, dass es alle Nachbarn mitbekommen haben): "Papa, komm schnell. Mama weint, weil sie kein Geschenk bekommt." Na toll.
Das war der Tagesanfang und es wurde lange nicht besser. Es fiel mir schwer Heios Entschuldigung anzunehmen (und gleichzeitig musste ich an Corrie Ten Boom denken,die einem ihrer KZ- Aufsehern die Hand zur Vergebung reichen konnte. Und ich kann meinem Mann nicht vergeben, der mir am Muttertag kein Frühstück ans Bett gebracht hat!) Trübselig schlich  unser Vormittag dahin. Samu passte sich mit kindlicher Flexibilität der Stimmung an. Schluß mit dem friedlichen Stau. Er jammerte ununterbrochen: "Mir ist langweilig!!!" Und: "Das ist der allerblödeste Tag in meinem ganzen Leben!" Worauf ich innerlich mantrahaft das Gebet von Michels Papa aus Lönneberga wiederholte: Gott, steh mir bei, dass ich meine Hand nicht an dieses Kind lege!
Gegen Mittag hatte ich dann genug. Ich rief den Familienclan zusammen. Wahrscheinlich erwarteten sie das nächste Donnerwetter von der schlechtgelaunten Mutter. Die will aber endlich die Kurve kriegen. Ich holte tief Luft und halte meine kleine Rede: „Der Tag war bisher echt blöd." Eifriges Nicken in der Runde. „Ich bin einfach schlecht gelaunt aufgewacht." Vorsichtige Zustimmung von Heio, Samu schluchzte mit dem unglaublich großen Selbstmitleid zu dem ein Sechsjähriger fähig ist. "Ich bin enttäuscht und finde es blöd, dass ihr mir nichts besonderes zum Muttertag gemacht habt. Ich vergebe euch. Und entschuldigt bitte meine schlechte Laune. Und jetzt will ich Jesus bitten, dass er uns hilft, dass wir den Rest des Tages besser hinbekommen." Unter großem Einverständnis meiner zwei liebsten Menschen fassten wir uns an den Händen. Ich sagte Jesus, dass wir dringend seine Hilfe brauchen; für die zweite Hälfte des Tages. Ein dreistimmiges "Amen". Und nach dem ganzen Durcheinander von Gefühlen, durch die wir uns gekämpft haben, war da plötzlich eine Spur. Eine Löschtaste der Gnade. Für uns alle. Und die Möglichkeit neu anzufangen. Eine neue Geschichte, für die zweite Hälfte unseres Tages. Und der wurde dann richtig gut. Ich könnte eine wunderschöne Geschichte darüber erzählen....

Manchmal stecken wir lange in der "ersten Hälfte des Tages." Manchmal fängt die zweite Hälfte erst am Abend an wenn ich neben Heio im Bett liege und wir gemeinsam beten und den Ärger beiseite legen. Und dann gibt es Beziehungen bei denen wir jahrelang im Dickicht von verwirrenden Gefühlen, Verletzungen, Missverständnissen und wenig gelungenen Texten feststecken können; und leider gibt es da oft keine Abkürzungen.
Bei mir und meiner Schwester war das so. Wir haben uns total lieb aber da waren familiäre Geschichten die schon vor unseren eigenen angefangen haben und egal wie sehr wir es auch versucht haben: immer wieder waren da diese verwirrenden Gefühle. Und beim Versuch da durchzukommen, haben wir uns oft genug verletzt. Aber wir haben uns weiter durchs Dickicht geschlagen, jeder für sich.(und immer wieder mit toller Hilfe- danke Marianne!!!) Und dann, fast unbemerkt, hat vor einem Jahr unsere "zweite Tageshälfte" begonnen. Plötzlich stand alles auf Neuanfang. Eine neue Möglichkeit uns zu  begegnen. Eine gemeinsame Spur.  Wir legen die Macheten beiseite und fallen uns mit ungläubigem Staunen und verschwitzem Gesicht in die Arme. Das Dickicht liegt hinter uns. Es ist für mich immer noch total unfassbar und ein großes Wunder. Gott hat unserer Geschichte eine völlig neue Wendung gegeben.

meine tolle Schwester! (dank dir, dass ich darüber erzählen darf! Gruß nach USA!)
Ich schreibe darüber weil unsere Geschichte vielleicht Mut macht: Egal wie der erste Teil unseres Tages ist, egal wie verletzt wir sind, wie verwirrend unsere bisherigen Wege waren und wie wenig Ahnung wir haben wie das alles gut werden soll -  es gibt immer die Hoffung auf eine entscheidende Wendung der Geschichte. (und manchmal dauert es ein halbes Leben) Manchmal beginnt sie ganz einfach damit, dass wir Gott sagen: Die erste Tageshälfte war nicht sonderlich gut. Wir brauchen dringend deine Hilfe. Eine Löschtaste der Gnade. Eine Möglichkeit neu abzubiegen. Und dann kommt der Autor unseres Lebens und plötzlich fließt eine wunderbare Geschichte aus seiner Feder. In der zweiten Tageshälfte. 


Always, we begin again.  

As we begin again, so does God.
                      Tanya Marlow
 

Mittwoch, 10. Mai 2017

Neues Land

Die Fassade "unseres" Hauses wird gerade renoviert. Das heißt am frühen Morgen wird schon mal gegen die Rolläden vom Schlafzimmer geklopft mit der Bitte sie zu öffnen und wenn ich müde ins Bad wanke, grüßt ein schwäbischer Bauarbeiter durchs Fenster. Solche Situationen versetzen mich immer in innere Unruhe. Heio hat mich heute morgen etwas sorgenvoll angeschaut, weil ich wieder seit Tagen mit Migräneanfällen kämpfe und entsprechend fertig aussehe und er meinte warnend: „Denk bloß nicht, dass es deine Aufgaben ist die ganzen Bauarbeiter zu versorgen.“ Er kennt mich halt nur zu gut. Tatsächlich habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht ob ich es zum Bäcker schaffe und ob noch genug Kaffee da ist. Außerdem überfällt mich bei den emsigen Arbeitern am Fenster das Gefühl, dass ich dringend auch etwas richtiges TUN sollte. Garten umgraben. Flüchtlinge besuchen. Einen Job suchen. IRGENDETWAS. Aber es geht nicht. Am liebsten würde ich ein Schild am Fenster anbringen das mein Zuhaus-sein rechtfertigt. Darauf würde dann sowas stehen wie: 

Fertige Frau. Zu lange alle Bauarbeiter dieser Welt versorgt!

Aber ich tue es natürlich nicht. Stattdessen traue ich mich in den Garten zum Hasengehege. Ach, unsere Hasen! Ich bin total verliebt in diese zwei kleinen niedlichen Geschöpfe, die seit zwei Wochen bei uns sind. Nein, das wird kein "Hasenblog" - wie Julia schon so vorsichtig (und vielleicht etwas besorgt) angefragt hat. Aber, schaut mal: sind die nicht süß???!!!!

wir beschnuppern uns...


Flockson bei der kleinen Hasenwäsche


Frenzy im Glück

Ich sitze einfach nur nebem dem Gehege, beobachte die wilden Sprünge und genussvollen Pausen in denen die Beiden unsere ganzen Vergißmeinnicht niedermachen und merke, wie gut mir das gut tut. Und wie schwer mir das immer noch fällt: einfach nur DA sein und  den Moment genießen. Eine viel zu lange Zeit in meinem Leben habe ich das nicht getan. In meiner krankhaften Annahme, dass das Leben nur aus dienen und sich aufopfern und Hingabe besteht. Aber wir haben auch einen „heiligen Auftrag zur Freude“, wie Frederick Buechner das so wunderbar schreibt. Wir sind gerufen uns an den kleinen Hüpfern von Hasen zu freuen, an verspielten Sonnenstrahlen zwischen blühenden Ästen, an den kleinen Lachfältchen in den Augenwinkeln des Menschen den man liebt, am Wind, dem Geruch von gerösteten Kaffeebohnen - ach an so vielen wunderbaren Dingen, die es auf dieser Welt gibt.

Es kommt mir vor als hätte mein Leben in den letzten Jahren eine Vollbremsung hingelegt. Einfach weil es nicht mehr anders ging. Weil der Motor heiß gelaufen war und kurz davor stand richtig kaputt zu gehen. Und ich setzte mich neben dem qualmenden Wagen ins Gras und staune über die Blumen die hier blühen. Es ist wie ein neues Land in dem ich mich bewege. Oft noch völlig unsicher. Weil ich die Sprache nicht kenne und keine vertrauten Wegmarkierungen finde. Und immer wieder kommt noch der Gedanken, dass wir das „alte Gefährt“ wieder zum Laufen bringen müssen. Aber das Gefährt macht das nicht mehr mit. Und diesem Umstand verdanke ich das Glück, in diesem neuen Land zu sein.
Neulich las ich etwas in dem wunderbaren Buch von Tomas Sjödin Warum Ruhe unsere Rettung ist, was meine Situation so treffend beschreibt. Auch wenn es Sr.Sofie ist, die hier von ihrem Zusammenbruch erzählt. Sjödin schreibt über das Gespräch mit ihr:

Wir unterhalten uns eine Weile darüber, dass ihr Buch aus einer großen Müdigkeit heraus entstanden ist, und das, obwohl sie sich selbst früher als `eine von diesen Supereffektiven` beschrieben hätte...Das Supereffektive stand offenbar dem Eigentlichen im Weg. "Als ich gezwungen wurde anzuhalten", erzählt sie weiter,"entstand eine neue Art der Kreativität, eine Folge von Tätigkeiten, die mir etwas gaben, statt nur von mir zu fordern, bis ich leer war. Und das Schreiben, das jetzt in mein Leben kam, fühlt sich viel fruchtbarer an als allles, was ich vorher getan habe."
Alles begann in der Ruhe. Und es begann zu blühen als sie ein bisschen zu müde war.

Ich habe jeden Satz unterstrichen, weil ich ganz ähnliches erlebe. Vielleicht stand auch bei mir das Effektive dem Eigentlichen im Weg. Und vielleicht gibt es eine Berufung die Gott vor allem in erschöpfte, müde gewordene Hände legen kann. Weil man Dinge wahrnehmen lernt, die man nur entdeckt, wenn man stillhält. 
"Zeuge sein, von dem was ist", diesen Satz habe ich mal irgendwo gelesen. Und ich habe lange genug Sonntagabends den Tatort angeschaut um zu wissen: die besten Zeugen sind diejenigen, die Zeit haben um richtig hinzuschauen. Die kleine Detais wahrnehmen. Hinhören, was andere überhören. Die wach und aufmerksam sind und einfach ganz DA sind.  Vielleicht meint Gott auch so etwas, wenn er uns sagt, dass wir seine Zeugen sein sollen. Das ist ja kein Ruf zu hektischer Betriebsamkeit. Sondern eher dazu ruhig zu werden. Hinhören. Genau hinschauen. Kleine Details wahrnehmen. Zeugen seines Handelns werden. Vielleicht beginnt das mit der Erlaubnis zum Nichstun, kleine Hasen beim Hüpfen beobachten während andere, ein paar Meter weiter, alten Häusern ein neues Kleid anlegen. Es beginnt in der Ruhe. Und manche von uns gelingt das erst dann, wenn wir für alles andere zu müde geworden sind.
 
Ich gehe schüchtern wieder an den Bauarbeitern vorbei ins Haus. Und sehe, dass unser Vermieter einTablett mit Kaffee für alle hingestellt hat. Als würde Gott mir lächelnd damit sagen: Siehst du. Ich versorge andere, während du lernst still zu halten. Zeuge zu sein. Willkommen im neuen Land! 

 







Dienstag, 2. Mai 2017

Danke. Für dreckige Socken. Und für Tine.

Heute gibts hier etwas besonderes: einen wunderbaren Gastbeitrag von Tine! Sie hat den Text in unserer wöchentlichen Rundmail für die Gemeinde geschrieben und ich dachte sofort: der muß auf meinen Blog. Und Tine hat mir schönerweise auch gleich zugestimmt. Für alle die sie nicht kennen:  hier sind drei Dinge über Tine, die mir ganz spontan einfallen, für die total dankbar bin:


1. Sei Jahren ist sie eine treue Weggefährtin und eine meiner Lieblingspredigerinnen in unserer Gemeinde. Ihre sanften, weisen Worte bewirken bei mir oft einen Kloß im Hals, einen Heimweh-Anfall, eine tiefe Sehnsucht, mich sofort Jesus in die Arme zu werfen. 

2. Sie ist eine meiner Gartenfreunde (und wer genaueres über Gartenfreunde wissen will, kann hier in dem kleinen Interview darüber lesen das Antschana auf ihren schönen Mamaabba-Blog gestellt hat. Dank dir, liebe Antschana!) Ich weiß von Tine, dass sie ein Bild von unserer Familie in ihrer Bibel hat und regelmässig für uns betet. Was für ein Segen!  Apropos Segen:

3.Als ich vor ein paar Jahren in Kur war und noch viel fertiger als vorher nach Hause kam, empfing mich Heio in einer sauber geputzten Wohnung. Ich war so glücklich darüber - unglaublich wie glücklich mich eine geputzte Wohnung machen kann!  Jahre später hat Heio mir verraten, dass Tine und ihr Mann mit Putzzeug angerückt sind und sauber gemacht haben  Und das, liebe Tine, vergesse ich euch nie!!! (Heio putzt natürlich auch, aber sein "sauber" ist nicht = mein "sauber", wenn ihr wisst was ich meine ;-)).

So. Und jetzt laß ich sie mal reden. EIne Geschichte, mitten aus dem Alltag:

Wenn‘s kommt, kommt alles auf einmal.
Mein Papa hat Lungenkrebs, seine Arzttermine häufen sich, und als Betreuungs- und Vertrauensperson sollte ich ihn so oft wie möglich begleiten (d.h. rund 600 km Autofahrt). Auf Arbeit stapeln sich die Aufgaben. Daheim sieht’s aus wie Sau. Außerdem hat sich Besuch angekündigt. Die Waschmaschine quittiert zeitgleich mit der Gemeinde-Homepage den Dienst. Der Karabiner meines Schlüsselbundes bricht unbemerkt ab und der Schlüssel für die Schließanlange ist weg. Mein entzündetes Bein will immer noch nicht heilen und zu alledem hat sich ein Erkältungsvirus in mir breit gemacht und ich fühle mich wie durch den Fleischwolf gedreht.
In der Bibellese kommt heute Psalm 50.  

„Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde; und rufe mich an am Tag der Not; ich will dich retten, und du wirst mich verherrlichen. (V14)

Es ist morgens 7 Uhr und mir ist nicht nach danken. Mir ist nach heulen. 

Der Blick fällt auf die To Do Liste und die vollgerotzten Taschentücher. Ich gehe auf die Knie und suche nach etwas, wofür ich dankbar sein kann. Ich muss an Kuky denken, der mal in ner Predigt gesagt hat: „Da hab ich halt für meine Socken gedankt, weil mir nichts mehr einfiel.“ Also: Danke Jesus, für meine Socken; die leider dreckig sind, weil ich sie nicht waschen kann.
Nach einiger Zeit fallen mir dann doch noch Sachen ein, für die ich dankbar bin. Und noch ein wenig später meine ich es sogar ernst. Und als ich wieder aufstehe, graut´s mir zwar immer noch vor dem Tag, aber die Verzweiflung ist nicht mehr ganz so drückend.
Ich arbeite mich stoisch durch die Aufgaben. Immer eins nach dem anderen. Erzähle zwischendrin Jesus, was mir Sorgen oder mich traurig macht, wo ich mich von ihm nicht gesehen oder auch übergangen fühle. Ich merke, wie sich Ruhe ausbreitet. 
Und mir fallen immer neue Sachen ein, für die ich dankbar bin:
 Ich hasse zwar Putzen, aber ich liebe die Wohnung, die ich dadurch gemütlich mache. Sie ist unser zu Hause. Nach Mamas Tod war der Begriff 'Zu Hause' nicht mehr besetzt. Jetzt ist er das wieder. Wie wunderschön. Ich liebe meine Arbeit. Ein guter Freund macht ein Sonderangebot für die Homepage der Freaks, das kann ich mit ins nächste Treffen der Ältesten nehmen; danke Jesus. Ich liebe meine Gemeinde. Ich liebe die (dreckigen) Socken, die ich trage und die ein Geschenk einer Freundin waren, weil Smileys drauf sind und sie dabei an mich denken musste.
Mittags bin ich ein gutes Stück weiter auf der ToDo Liste und habe sogar noch ein sauberes Bettlaken für den Besuch gefunden. Und plötzlich sagt Jesus: „Du, der verlorene Schlüssel. Schau mal in die Innenseite der Fleecejacke.“ Und tatsächlich…da ist er, der Schlüssel. Zusammen mit dem Rest des abgebrochenen Karabiners. Ich kann mich zwar nicht erinnern, dass ich die Jacke getragen habe, aber zum Glück wusste Jesus es noch. Ich bin sprachlos und…dankbar. 




 Die größte Kraft des Lebens ist der Dank.   Hermann Bezzel