Montag, 20. November 2017

Momente des Lebens

Ich bin gerade aufgewacht, Samu schlüpt zu mir ins Bett. Ich frage verschlafen: "Wo ist denn der Papa?" Antwort: "Der sitzt in der Küche und ist faulig!"

Für das Fernsehinterview im ERF (HILFE!) diese Woche muss ich noch dringend einkaufen. In der Info vom Sender stand ich solle am besten zwei Kleidersets mitbringen. Leichte Panik meinerseits: WAS SIND KLEIDERSETS? Das sind Dinge die wohl nur Erwachsene und "richtige Frauen" besitzen. Ich renne kopflos über die Königstraße um so ein Set zu finden. Komme völlig frustriert nach Hause mit einem Jeansrock, den ich überhaupt nicht brauche. Überlege parallel wie viel ich in einer Woche abnehmen könnte, wenn ich ab sofort nichts mehr esse. Der Gedanke macht mich sofort hungrig. Es dauert einen halben Tag bis ich wieder im Gleichgewicht bin. Ich wusste es schon immer: Die Königsstraße ist ein Ort des Bösen! ;-)

Wir haben Besuch. Tolle Freunde. Frisch verheiratet. Wir überlegen ob wir mal zusammen auf den Weihnachtsmarkt in Esslingen gehen sollen. Der Freund sagt: "Eigentlich finde ich Weihnachtsmärkte total schlimm. Aber ich gehe gerne mit meiner Frau hin. Die meiste Zeit schau ich sie einfach nur an und freue mich, wie sie strahlt und staunt." Ich bin gerührt. Und muss an Jesus denken.

Samu will die Hausaufgaben nicht machen. Er ist genervt. Ich bin es auch. Nach 15 Minuten unaufhörlichem Jammern raste ich aus. Die ganze Wut eines Erwachsenen ergießt sich über den kleinen Mensch. Im Hausgang höre ich die Schritte von unserem Nachbarn. Es ist mir peinlich, dass er meinen Ausbruch mitbekommen hat. Dieser Gedanke beunruhigt mich in dem Moment mehr als die Traurigkeit darüber, dass ich Samu so angeschrien habe.

Ich lese eine Rundmail von meinem Neffen, der gerade auf einer Bibelschule in Amerika ist. Die Worte sind so ehrlich und bewegen mich sehr. Er schreibt über eine liebevolle Begegnung mit einem Obdachlosen für den er gebetet und den er zum Essen eingeladen hat und über den Unterricht sagt er: Es weckt so einen Hunger in mir dass es nur noch um Jesus geht. Alles andere kommt von alleine, wenn Jesus unser Fokus ist. Ich staune. Atme einmal tief durch. Ist das der kleine Junge den ich vor fast zwanzig Jahren durchgekitzelt habe, der vor dem Einschlafen Abenteuergeschichten von mir hören wollte und der mir nie was von seinen Pommes abgegeben hat? 

Ich sitze vor dem Fernseher und schaue mir mit Heio einen Naturfilm an. Eigentlich fand ich Naturfilme immer total langweilig. Dachte das ist nur was für alte Menschen, denen der Tatort zu aufregend geworden ist. Mir wird der Tatort zu aufregend. Wir beobachten staunend wie Rentiere jedes Jahr tausende von Kilometer zurücklegen und wie Lachse vom Meer zurück zu dem Fluss schwimmen, aus dem sie kommen; alle sind sie wie von einem inneren Kompass geleitet. Ich frage mich warum wir in den Gemeinden nicht öfters Ausschnitte von Naturfilmen zeigen um das Staunen über den Schöpfer zu wecken.

Versuche immer noch ein Kleiderset zu finde. Ein unglaublicher Moment im Klamottenladen einer Freundin: Probiere einen Rock in Größe 42 an (was mir zur Zeit nur so einigermaßen, mit großem Luft anhalten und unter viel Gebet gelingt) und dieser Rock ist -  ZU WEIT!!! Ich rufe die unvorstellbaren Worte durch den Laden: "Kannst du mir den Rock in Größe 40 bringen?" Ein thinplace in der Umkleidekabine. Die Ernüchterung: EIn bisschen geübtes Zupfen am Rock macht klar: Diese Größe brauche ich. Mindestens.  In den Umkleidekabinen dieser Welt an einem guten Schöpfer festzuhalten, ist eine große Herausforderung. Ich arbeite daran. (und denke spontan wir sollten heimlich in Umkleidekabinen Aufkleber anbringen: Du bist schön! Ein wunderbares Einzelstück! Ich liebe dich! Dein Schöpfer. Macht jemand mit?:-)).

Ein Kaffeetrinken mit einer Mama von Samus neuem Schulkameraden. Sie kommt aus Georgien. Erzählt mir von ihrem Land. Ich staune. Und verliebe mich ein wenig. In ein Land, das mir bisher so fremd war, und in diese tolle Frau. 

Unser Nachbarhase wurde in der Nacht vom Fuchs geholt. Wir sind betroffen und traurig. Und nicht nur bei den Nachbarn fließen Tränen. Die Natur ist nicht nur zum Staunen, sie kann auch grausam sein. Unberechenbar. Unsere Welt ist gefallen. Das spürt man in solchen Momenten. Ich hoffe im Himmel gibt es saftige Wiesen auf denen uns unsere liebste Haustiere entgegenhoppeln.

Heute abend wollten Heio und ich über die Konflikte reden, die oft zwischen uns auftauchen, was die Erziehung von Samuel angeht. (er ist konsequent, ich bin, na ja, sagen wir mal: etwas weniger konsequent). Ich bleibe an einem blöden Film hängen. Heio liest im Bett. Bis ich komme schläft er schon. Konfliktlösung verschoben.

Bei heftigen Schimpfwörten bekommt Samu seit kurzem einen Strich (bei fünf Strichen gibt es eine Konsequenz). Ich biete mich an mitzumachen. : Blöderweise scheint der Sohn die Worte besser im Griff zu haben als ich. Lerneffekt: Verlange nichts von deinen Kindern, was du selbst nicht hinbekommst. Also lernen wir gemeinsam.

Ich putze die Küche und höre eine Predigt von Johannes Hartl. Er sagt darin:  Einer der größten Kraftkiller der Kirche ist der Dualismus. Heisst: wir unterteilen unser Leben in heilige und unheilige Momente (und Nachfolger Jesu in wichtige und eher nicht so wichtige). Aber das stimmt einfach nicht. Heilig sind wir, weil wir ihm gehören. Und NICHTS was wir tun ist unbedeutend! "Amen!" sage ich laut, während das dreckige Putzwasser in den Abfluß läuft und ich meine rauhe Hände am Geschirrtuch abputze. 

Ich glaube es gibt keine "unheiligen Orte" - nicht mal die Umkleidekabine beim H&M!  Und manchmal sind es gerade die unscheinbaren, alltäglichen Momente - das Scheitern an uns selbst, unser Dranbleiben, Entschuldigen, Liebhaben, Staunen und Gebete ins Dunkel sprechen - die uns eine Ahnung von seiner heiligen Nähe geben. 

Jeder Moment kann zu einem heiligen Moment werden, einfach deshalb weil der König anwesend ist! 







Kommentare:

  1. Danke von Herzen fürs Teilen deiner Erlebnisse. Sie berühren mich, die "guten" wie die "schwierigen". Im Moment gerade die schwierigen. Ich habe auch gerade bei dir über "thin places" gelesen und denke: heute ist ein "thin place" in meinem Herzen, auch wenn ich mir das immer höhenflugiger vorstelle. Gerade im Schmerz und in der Taubheit der Gefühle ist ER da. Danke, dass du mir diese Hoffnung zurückgegeben hast. Herzlichst Sonja

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    1. Wie schön, Sonja! Und WIE WAHR: unser Schmerz und die Taubheit ist auch so ein thinplace (Ps.34,18! ER ist denen nah, die zerbrochenen Herzens sind).
      Ich wünsch dir (und mir) immer wieder die Momente in denen wir erleben: Der König ist da, und er kommt mit seiner ganzen Herrlichkeit. Auch wenn wir am Boden sind...gerade dann. Sei herzlich gegrüßt (und ähm ja, die Sendetermine vom ERF schreibe ich dann mal;-)).

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  2. Ach, und: ERF??? Wann???? Ich freu mich!

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